Quo vadis CSD?

Quo vadis CSD?

Like
3361
0
ColognePride

Am 30. Juni 2017 hat der Deutsche Bundestag die Ehe für alle geöffnet. Und nun? Das fragten nicht nur die Presse, sondern auch viele Mitglieder der Community. “Brauchen wir noch einen CSD in Zukunft? Wir haben doch jetzt alles erreicht”, war oft zu hören. Und ob wir noch einen CSD brauchen! Die Ehe für alle war ein wichtiger Meilenstein, aber noch nicht das Ende des Weges.

Neben der Ehr für alle wurde in diesem Jahr die Rehabilitierung der verurteilen Menschen nach Paragraph 175 StGB endlich gesetzlich verankert. Damit haben wir zwei sehr große Schritte innerhalb weniger Wochen gemacht. Zwei große Schritte auf dem Weg zur Gleichberechtigung. An diesem Ziel sind wir aber längst noch nicht angekommen.

Anpassung des Abstammungsrechts

Die Ehe von zwei Frauen oder von zwei Männern ist – anders als dies jetzt propagiert wird – noch nicht zu 100 % der Ehe zwischen Heterosexuellen gleichgestellt. Heterosexuelle genießen noch Privilegien im Bereich des Abstammungsrechts, also der Frage, wer Mutter und wer Vater eines Kindes ist.

Ein Beispiel

Zwei Frauen sind miteinander verheiratet und eine davon bekommt ein Kind. Diese Frau ist nach § 1591 BGB Mutter des Kindes, denn dort heißt es:

“Mutter eines Kindes ist die Frau, die es geboren hat.”

Was aber ist die andere Frau? Also die Ehefrau? Sie hat rechtlich keine Stellung. Denn das Gesetz kennt nur eine Mutter eines Kindes und einen Vater. Es ist nicht vorgesehen, dass zwei Frauen Eltern eines Kindes werden. Und die Ehefrau der Mutter kann ja nicht der Vater sein.

Das zeigt: Zwar dürfen jetzt auch Homosexuelle heiraten, aber die gleichen Rechte wie heterosexuelle Ehen haben sie noch lange nicht.

Man muss also entweder von den Begriffen Mutter und Vater im Recht wegkommen, hin zu evtl. “Elternteilen”. Dies wird sicher noch einiges an Diskussionen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene nach sich ziehen.

Zu diesem Thema liegt seit 4. Juli 2017 der Abschlussbericht des Arbeitskreises Abstammungsrecht vor. In diesem werden konkrete Vorschläge zur Beseitigung der Diskriminierung gemacht.

Überarbeitung des Transsexuellengesetzes

Auch das Transsexuellengesetz in Deutschland ist unwürdig und muss geändert werden. Es darf und kann nicht sein, dass sich Transsexuelle einem menschunwürdigen Verfahren unterziehen müssen.

“Die Würde des Menschen ist unantastbar” heißt es in Artikel 1 unseres Grundgesetzes. Die Würde von Transsexuellen wird aber aktuell mit Füßen getreten. Hier muss sich etwas ändern!

Vielfalt in die Bildungspläne

Menschen dürfen nicht erst als junge Erwachsene davon erfahren, dass es auch andere Familienformen als das “klassische” Mutter-Vater-Kind-Modell gibt.

Die Vielfalt der verschiedenen Familienformen muss in die Bildungspläne der Länder aufgenommen werden. Das hat auch absolut nichts mit einer immer wieder propagierten Frühsexualisierung zu tun. Denn dann wäre auch die Abbildung von Mutter, Vater und Kind eine Frühsexualisierung.

Es würde vielen Kindern und Jugendlichen aber dabei helfen, ihre eigene Sexualität zu erkennen und zu akzeptieren. Auch würde dies viele psychologische Probleme beim Coming Out beseitigen. Jugendliche müssten sich dann nicht mehr ständig die Frage stellen “Bin ich normal?”, “Ist das nur eine Phase?”. Wenn Sie in der Schule beigebracht bekommen, dass es völlig normal ist, als eine Frau eine Frau zu lieben oder als ein Mann einen Mann.

Ebenso gehört Transsexualität in die Bildungspläne.

Durch die Aufnahme dieser Themen in die schulische Ausbildung wird auch niemand schwul, lesbisch, bi oder trans “gemacht”. Die eigene Sexualität ist keine Frage der Erziehung. Der Umgang mit der Sexualität einer anderen Person ist dagegen eine Frage der Erziehung.

Nur durch Aufklärung und Bildung können wir es schaffen, dass gesellschaftliche Akzeptanz erreicht wird. Und das ist das Ziel, welches über jeder Einzelforderung steht!

Junge und ältere Menschen

Es müssen die Bedürfnisse älterer und jüngerer Menschen in der Community stärker berücksichtigt werden. Es braucht eine bessere und intensivere Jugendaufklärung.

Außerdem muss die Gesellschaft auch akzeptieren, dass es homosexuelle ältere und hochaltrige Menschen gibt, die besondere Bedürfnisse haben. Der Respekt vor der Lebensleistung der älteren Generation darf sich nicht nur auf den heterosexuellen Teil der Gesellschaft beschränken. Auch Lesben, Trans und Schwule haben wesentlich zum Erfolg unserer Gesellschaft beigetragen.

Nachbesserungen am Rehabiltierungsgesetz

Das Gesetz zur Rehabilitierung der nach § 175 StGB Verurteilten ist ein wichtiger und richtiger Schritt gewesen. Aber hier gilt es, sich noch einmal die Details der gesetzlichen Regelungen anzuschauen.

Die Entschädigungssummen müssen noch einmal angefasst werden. Auch müssen Menschen, die Opfer von Ermittlungsverfahren in diesem Punkt wurden, entschädigt werden, weil ein solches Verfahren oft schon ausreichte, um Existenzen zu zerstören. Hier ist der nächste Deutsche Bundestag gefragt. Wir sollten die Chance nutzen, solange man noch die Möglichkeit hat und es überhaupt noch Menschen gibt, die man für das erlittene Unrecht entschädigen kann.

Sichtbarkeit von Lesben

Ist von Homosexuellen die Rede, bedeutet das in den meisten heterosexuellen Köpfen “schwul”. Auch im überwiegenden Teil der Medienlandschaft heißt es “homo = schwul”. Lesben existieren offenbar gar nicht.

Auch das kann und darf nicht sein. Auch Frauen liebende Frauen sind Teil unserer Gesellschaft und verdienen den gleichen Respekt wie jeder andere Mensch auch!

Auch deswegen ist es besonders wichtig, dass am Samstag, 8. Juli um 18:15 der 3. Dyke*March Cologne durch die Innenstadt von Köln zieht. Und übrigens: Ab dem dritten Mal spricht man Köln von einer Tradition. Wir beglückwünschen unsere Freundinnen vom Dyke*March Cologne dazu und wünschen weiterhin viel Freude beim Organisieren dieses Events im Rahmen des Colognepride.

Akzeptanz in der Gesellschaft

Ein über allen anderen stehendes Ziel ist das Erreichen von Akzeptanz in der Gesellschaft und damit verbunden auch ein Ende von Homo- und Transphobie sowie von Gewalttaten geben Homo- oder Transsexuelle.

Es kann und darf einfach nicht sein, dass man auch in Köln nicht Hand in Hand über die Straßen gehen kann, ohne komische Blicke oder Sprüche zu ernten oder sich im schlimmsten Fall sogar körperlicher Gewalt ausgesetzt sieht.

Die Homosexuellen akzeptieren auch, dass sich ein Hetero-Pärchen in einer “Schwulen-Bar” küsst. UND DAS GLEICHE RECHT FORDERN WIR FÜR UNS!

Es kann und darf nicht sein, dass Homosexuelle in den Köpfen der Menschen auch gleichzeitig Kinderschänder sind.

NIE WIEDER Angst

Es ist wichtig und bedeutend, dass man als Homo- oder Transsexueller nie wieder Angst empfinden muss. Wir sind Menschen wie alle anderen auch. Wir sind keine Freaks oder abnormale Wesen.

Das betrifft insbesondere, aber nicht nur, LGBTIQ*-Flüchtlinge, die in ihren Heimatländern aufgrund ihrer Sexualität brutal verfolgt wurden.

In neun Ländern droht Homosexuellen die Todesstrafe! Und zwar in Saudi-Arabien, Jemen, Iran, Mauretanien, Nigeria, Sudan, Brunei, Vereinigte Arabische Emirate sowie in Teilen von Somalia. Hinzu kommen zahlreiche Staaten, in denen Homosexuellen langjährige Haftstrafen drohen. Eine genaue Auflistung findet man hier bei wikipedia.

Die Bundesregierung ist hier gefordert als Vertreter eines anerkannten Partners in der Welt auch in diesem Ländern für die Einhaltung von Menschenrechten zu sorgen.

Fazit

Das ist ganz sicher noch nicht die vollständige Agenda für künftige CSDs. Aber einige wichtige Punkt (wobei die Reihenfolge kein Ranking der Wichtigkeit darstellt!), für die wir weiterhin eintreten. Die Ehe für alle war ein wichtiges Ziel der PrideBewegungen. Aber eben nicht das einzige.

Bildnachweis: Martin Rätze

Comments are closed.